Achim Beierlorzer blieb cool: Gerade eben hatte sein Stürmer Karim Onisiwo das vermeintliche 2:1 gegen Eintracht Frankfurt erzielt. Team und Fans jubelten über den Treffer in der 53. Minute, nachdem die Mainzer mit 0:1 in die Pause gegangen waren und Onisiwo selbst nur drei Minuten zuvor den Ausgleich erzielt hatte. Doch Beierlorzer schloss sich dem kollektiven Jubel nicht an, stand mit verschränkten Armen und kritischem Blick in seiner Coachingzone. Ob der neue Mainzer Trainer ahnte, was folgen würde?

Schiedsrichter Manuel Gräfe erkannte den Treffer nach Rücksprache mit dem Videocontrol-Center in Köln-Deutz korrekterweise ab, weil der Ball bei der Hereingabe aus dem Aus heraus gespielt worden war – knapp zwar, aber korrekt erkannt. Entweder hatte Beierlorzer das selber schon so gesehen oder er akzeptierte die Entscheidung von Gräfe souverän. So oder so: Der Coach wirkte in dieser Szene, wie im ganzen Spiel, abgeklärt und fokussiert.

Siegtorschützen eingewechselt

Eine Ausnahme: In der 69. Minute gab der neue Mainzer Trainer sich kurz der Emotion hin, rannte auf den Rasen und ballte beide Fäuste zusammen. Und dazu hatte er gleich doppelt Grund: Denn den Torschützen zum umjubelten 2:1 hatte er erst wenige Minuten zuvor eingewechselt. Eine Minute nachdem die Mainzer den Ball nach einem missglückten Abpraller des Frankfurter Keepers Rönnow nur auf die Querlatte bugsieren konnten, war der von Beierlorzer eingewechselte Adam Szalai zur Stelle.

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt | Tor (2:1) (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

Frisch eingewechselt: Adam Szalai trifft für Mainz

Beierlorzers Jubel beim Abpfiff nach einer turbulenten Schlussphase fiel dann wieder etwas dezenter aus: Fäuste noch einmal kurz geballt und dann wurde einer nach dem anderen auf der Mainzer Bank vom neuen Cheftrainer, der in seinem zweiten Spiel den zweiten Sieg feiern konnte, umarmt. Das Glück, das Beierlorzer in seiner kurzen Amtszeit von Sommer bis Anfang November in Köln gefehlt hatte, in Mainz hat er es wiedergefunden.

“Mainz hat heute verdient gewonnen“, erkannte Beierlorzers Gegenüber Adi Hütter an. Einen Hauptgrund für die Niederlage sah der Frankfurter Trainer im Platzverweis für Kohr: “Mit diesen Roten Karten bringen wir uns immer wieder um die Früchte unserer Arbeit.“

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt | Rote Karte (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

Der Frankfurter Dominik Kohr muss nach einer Notbremse gehen

Die Früchte seiner Arbeit, die Beierlorzer zu Saisonbeginn nicht ernten konnte, fallen ihn in Mainz nun fast vor die Füße. Doch auch nach dem zweiten Sieg als Mainzer Trainer bemüht Beierlorzer sich aller Freude zum Trotz um sachliche Einordnung. “Wir haben uns in der Halbzeit das vorgenommen, was wir in den 20 Minuten danach umgesetzt haben. Die Mannschaft wollte die Tore und den Sieg heute unbedingt haben“, sagte der gelöste Mainzer Trainer auf der Pressekonferenz nach dem Spiel und belegte gleich auch noch, warum er beim aberkannten Treffer cool blieb und darin etwas Gutes sah: “Das korrekterweise aberkannte 2:1 hat uns aber den Glauben gegeben, dass das heute drin ist. Ich habe aufgrund der Hektik heute viele Nerven verloren aber wir haben dafür die Punkte heute gewonnen“, so das Fazit von Beierlorzer zu später Stunde im Presseraum des Mainzer Stadions.

Anpfiff verzögert sich

Denn es hätte bereits die 11. Spielminute laufen sollen, als Schiedsrichter Manuel Gräfe die Partie Mainz 05 – Eintracht Frankfurt endlich anpfeifen konnte. Zuvor waren gut 33.000 Zuschauer im Stadion und Achim Beierlorzer bei seiner Heim-Premiere als Trainer der 05er Zeugen eines – will man es wohlwollend formulieren – derbytypischen Schauspiels geworden.

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

“Korrupte DFB-Bastarde“ – angemessener Protest?

Zunächst hatten beide Fanlager ihren Unmut über die Ansetzung der Partie am Montag-Abend kundgetan. Während es auf dem Banner im Gästeblock plump “Korrupte DFB-Bastarde“ hieß, gaben sich die Fans der Gastgeber pointierter: “Samstags halb vier – Fußball Bratwurst Bier“, lautete die Protest-Botschaft gegen die Montags-Spiele, deren Abschaffung zur kommenden Saison bereits beschlossene Sache ist.

Botschaften kundgetan, der Anpfiff hätte erfolgen können, tat es aber nicht, weil zunächst einige Bengalos aus dem Frankfurter Block ihren Weg auf den Rasen fanden und Schiedsrichter Gräfe nach einem ohrenbetäubenden Böller-Knall, der Stadion und Zuschauer erschütterte, entschied, die Teams erstmal wieder in die Kabine zu schicken. Da die Mainzer Fans auch noch einen Stimmungsboykott über 15 Minuten und 30 Sekunden – in Anlehnung an die traditionelle Bundesliga-Anstoßzeit – abhielten, war es beinahe 21 Uhr, ehe in diesem Montagabend-Spiel eine bundesligawürdige Stimmung aufkam.

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt | Fackeln (Imago Images/Thomas Frey)

Bengalos verzögerten den Anpfiff

Blasse Eintracht weiter sieglos in Mainz

Auf dem Rasen wählten beide Teams über 90 Minuten hingegen eine faire Herangehensweise. Natürlich wurde die Partie, wie man es so schön sagt, intensiv geführt, aber beide Teams blieben dabei stets im Rahmen. Dennoch musste Frankfurts Dominik Kohr in der 44. Minute mit Rot vom Platz, seine Notbremse war allerdings alles andere als ein brutales Foul oder ein überhartes Zweikampfverhalten, sondern eben lediglich eine mit Rot zu ahnende “Rettungsaktion“.

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt | Torjubel (0:1) (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

Nach dem 1:0 konnten sich die Frankfurter noch freuen

Zwar konnten die Frankfurter ihre 1:0-Führung durch Hinteregger (33. Minute) nach Kohrs Platzverweis noch in die Pause retten, doch in der muss Achim Beierlorzer bei seinem Team dann die richtigen Worte gefunden haben. Denn auch in der ersten Halbzeit bereits engagierte Mainzer kamen noch angriffslustiger aus der Pause, setzten die Eintracht zunehmend unter Druck und drehten die Partie. Frankfurt hatte der Mainzer Überzahl und Führung an diesem kalten Montag-Abend dann nicht mehr viel entgegen zu setzen, das Team von Adi Hütter befindet sich in der Bundesliga weiter im Abwärtstrend. Nach dem sensationellen 5:1 gegen Meister Bayern gab es in Mainz nach Pleiten gegen Freiburg und Wolfsburg die dritte Niederlage in Serie. Stichwort Serie: Die Sieglos-Serie der Eintracht in Mainz geht damit weiter, keine ihrer bislang zwölf Bundesliga-Partien konnten die Frankfurter hier gewinnen und rangieren jetzt mit nur zwei Punkten Vorsprung vor Mainz auf Rang 10 der Tabelle. Nach dem 5:1 gegen die Bayern am 9. Spieltag hatte der Abstand zwischen der Eintracht und dem Nachbarn aus Mainz noch satte acht Punkte betragen – so schnell ändern sich die Zeiten und die Stimmungen in der Bundesliga.

1. Bundesliga | 1. FSV Mainz 05 vs Eintracht Frankfurt | Torjubel (1:1) (Getty Images/Bongarts/M. Hangst)

Prächtige Stimmung bei den Mainzern

Stimmungsumschwung binnen Wochen

In Frankfurt ist die Stimmung mäßig, in Mainz prächtig – daran sieht man mal wieder, dass Fußball ein Geschäft im Wochenrhytmus ist und das Ergebnis von heute das von gestern meistens überstrahlt – so oder so. Ein spannendes, umkämpftes Spiel zum Abschluss des 13. Spieltags an diesem Montag-Abend endet also mit einem Mainzer Sieg. Sicher sind sich aber Fans, Spieler und Trainer einig: Es hätte so auch gut und und gerne an einem Samstag oder stattfinden können. Und sicher sind sich in Mainz aktuell auch alle einig: Ein vor wenigen Wochen völlig glückloser Trainer hat hier plötzlich das Matchglück und ein glückliches Händchen auf seiner Seite. Was ist das Rezept?

“So ist Fußball, manche Dinge kann man einfach nicht erklären“, antwortete Beierlorzer auf die Frage, ob es für ihn eine persönliche Genugtuung sei, in Mainz jetzt so erfolgreich zu sein, wie es ihm in Köln nicht gelungen war. Vielleicht nicht zu erklären, aber dennoch Fakt: Mit Achim Beierlorzer und Mainz scheinen sich ein Trainer und ein Team gefunden zu haben. Oder wie Beierlorzer vor dem Spiel gegen Frankfurt im Stadionheft der 05er zitiert wurde: “Es ist sicher etwas kurios aber ich glaube, meine Vita und meine Herangehensweise passen hier her.“ 





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