Kerstin Krause kennt beide Welten, die deutsche und die spanische. Die Modedesignerin konnte in Spanien ihr Berufsleben mit der Familie gut vereinbaren. Als ihre beiden Söhne klein waren, profitierte die heute 48jährige davon, dass die spanische Schule von 9 bis 17 Uhr die Kinder versorgt und dass die staatliche Vorschule schon für Kinder ab drei Jahren ausgelegt ist.

Diese Umstände sowie engagierte Groβeltern, hat ihrer Meinung nach dazu geführt, dass in Spanien mehr Frauen Führungspositionen haben als im EU-Durchschnitt und auch in Deutschland. Und das, obwohl es kein Kinder- oder Elterngeld in Spanien gibt. Rund 30 Prozent der verantwortlichen Posten in spanischen Unternehmen sind weiblich besetzt. Die EU kommt im Durchschnitt nur auf 28 Prozent und liegt damit noch unter der weltweiten Quote von 29 Prozent, so eine Studie der Unternehmensberatung Grant Thornton. 

Spaniens Frauen gründen mehr

In Spanien finden sich auch verhältnismäßig mehr Frauen, die ein Unternehmen gründen, als in anderen europäischen Ländern. Gemäß des “Global Entrepreneurship Monitor” kommen auf zehn männliche Gründer neun weibliche. Krause glaubt, dass das nicht so sehr eine Frage des Geldes, sondern eher der Einstellung sei. Sie kommt aus der ehemaligen DDR, wo Frauen fast immer gearbeitet hätten.

Unternehmerinnen in Spanien
Kerstin Krause mit ihren Modells bei einer Modeshow (privat)

Kerstin Krause (Mitte) mit ihren Models bei einer Show. Die Modedesignerin hat sich in einer Männerdomäne etabliert

Krause hat den Mauerfall als 20jährige erlebt und musste sich die Modeschule in Düsseldorf selber finanzieren. Anschließend ging sie nach New York, wo sie sich in einer von Männern beherrschten Welt durchkämpfte. “Ich wollte alles – nicht nur Karriere und auch nicht nur Familie. Getrieben hat mich meine Leidenschaft”, sagt sie.

Spanische Rabenmütter gibt es nicht

Auch Katharina Miller wollte alles und hat es in ihrer Wahlheimat Spanien gefunden. “In Deutschland hätte ich nie so eine Karriere machen können mit drei Kindern”, meint sie. Die Anwältin hat in Madrid ihr eigenes Unternehmen gegründet und verteidigt inzwischen Frauenrechte auf internationaler Ebene, auch im Auftrag der spanischen Regierung.

Katharina Miller, Unternehmerin aus Madrid (privat)

Katharina Miller, Unternehmerin aus Madrid

Was ihr an Spanien besonders gefällt: “Es gibt das Wort Rabenmutter hier nicht”. Die Spanier lieben Kinder, aber müssen nicht die ganze Zeit über Erziehung reden. Die Betreuungstätten machen ihren Job und viele Karrierefrauen leben vor, dass Familie und Job möglich sind. “Natürlich hält mein spanischer Mann mir den Rücken frei, sonst ginge es nicht”, sagt Miller. Er arbeitet von zu Hause.

In Spanien wurde die Rolle der Frauen in der Politik gestärkt

Eine solche Rollenverteilung würde in Deutschland noch nicht so akzeptiert werden wie in Spanien, das meinen verschiedene Frauen auf dem Treffen des Clubs europäischer Unternehmerinnen in Madrid. Obwohl es in Spanien also besser zu laufen scheint, als in anderen Ländern legten auch hier am 8. März 2018 Millionen von Frauen aller politischen Richtungen ihre Arbeit zu Hause und im Beruf nieder und demonstrieren für Frauenrechte, für Gleichstellung im Beruf und gegen häusliche Gewalt, die immer noch ein großes Thema ist.

Spanien, Internationaler Frauentag 2018 in Madrid (Getty Images/O.del Pozo)

Am 8. März 2018, dem Internationalen Frauentag, legten Millionen Frauen in Spanien die Arbeit nieder

Schon während seines Wahlkampfes hatte Pedro Sánchez damit geworben, Frauenrechte und Gleichstellung stärken zu wollen. Mit Erfolg. Nachdem er vor einem Jahr Premierminister wurde, bestellte er mehr Frauen als Männer in sein Kabinett ein.

Ana Patricia Botín: die wichtigste Bankerin der Welt

Aber nicht die helle und dünne Stimme von Regierungsvize Carmen Calvo, sondern die tiefe und bestimmte von Ana Patricia Botín gibt in Sachen Frauenvorbild inzwischen den Ton in Spanien an. Seit fünf Jahren ist sie die oberste Verantwortliche der größten Bank Europas, der Banco Santander.

Ihr Weg schien vorbestimmt zu sein. Ein Urgroßvater gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Bank, ihr Großvater und später auch ihr Vater saßen auf dem Chefsessel. Und auch Ana Patricia Botín arbeitete seit 1989 in verschiedenen Führungsfunktionen der Banco Santander, die von ihrem Vater seit 1986 geleitet wurde. Als er sie 1999 feuerte, brache für sie eine Welt zusammen. “Es war hart für mich”, sagt die 58jährige zurückblickend. Lange konnte sie nicht darüber sprechen, wollte sich von dem Übervater distanzieren.

Sie gründete ihre eigene Investmentfirma und musste sich als Mutter von drei Kindern durchbeißen. Trotzdem sagt sie: “Zuhause hatte ich es einfacher als viele andere, weil mein Mann und ich die Arbeit gleichmäßig aufgeteilt haben. Ich weiss, dass das immer noch nicht normal ist. Viele Frauen geben alles auf der Arbeit und müssen dann zu Hause ebenfalls 100 Prozent Einsatz bringen”.

Kampf mit männlichen Platzhirschen

Drei Jahre nach dem Eklat mit ihrem Vater machte der sie zur Chefin der Santander-Tochter Banesto in Spanien. 2011 wechselte sie als Vorstandsvorsitzende zur Santander UK. Nach ihrem Kommen verließ so mancher Mann die Bank. “In den ersten Monaten dort musste ich sicher 70 Kündigungen hinnehmen”, erinnert sie sich. “Männer schlagen gerne Türen zu und haben manchmal ein großes Ego”, erzählt Botín mit Blick auf ihr Berufsleben. “Sie trauen dir nicht zu, dass du Entscheidungen treffen kannst”. Heute ist die Bank mit ihr als Frontfrau so stark wie nie zuvor.”

 Ana Botin Madrid (Financial Times)

Ana Botin (r.), seit 2014 Präsidentin der Banco Santander, während des Luxury Summit in Madrid

Botín liegt gemäß Forbes in der Rangliste der einflussreichsten Frau der Welt im Jahr 2018 auf Nummer acht. In einem Interview mit dem spanischen Radiosender Cadena Ser sagte sie kürzlich: “Vor 10 Jahren hätte ich mich nicht als Feministin bezeichnet inzwischen tue ich das”.

Spanierinnen machen Druck

Es freute sie, dass am 8. März dieses Jahres erneut Millionen von Spanierinnen auf die Strasse gingen. Regierungschef Sánchez hat aufgrund des Drucks im März ein Gleichstellungsgesetz auf den Weg gebracht, das vor allem die unterschiedlichen Gehälter zwischen Frauen und Männern in gleichen Positionen aufheben soll.

Auch in diesem Punkt steht Spanien eigentlich besser dar als Deutschland oder Finnland. Dennoch, wer wie die Wirtschaftsprüferin Rosa Sánchez vom Unternehmerinnenverband Pozuelo diese Ungerechtigkeit selbst erlebt hat, weiß, wie sie sich anfühlt: “Ich habe in meinem ersten Job vor zehn Jahren noch weniger verdient als meine männliche Kollegen. Damals habe ich mir das gefallen lassen, heute würde ich das nicht mehr akzeptieren”, sagt die Spanierin.





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